Rasender Marquis statt Rennradfieber

Es gibt Dinge im Leben, die sollen irgendwie nicht sein. Schade nur, wenn es sich dabei um sehr kostspielige Dinge handelt. Rennräder in diesem Fall. Die ersten Ausfahrten im letzten Jahr waren so-là-là. Das geplante große Abenteuer: Alpenüberquerung mit dem Rennrad über meinen Vierzigsten hat der Reiseanbieter mangels Anmeldungen abgeblasen. Zuvor haben wir allerdings noch für ordentlich Kohle die Kettenausstattung der Räder getunt. Plan B: eine Woche Rennradurlaub in der Provence. Alte Rennradhasen empfahlen mir die Region um Malaucène, am Fuße des legendären Mont Ventoux, als ideales Rennradgebiet mit idealem Rennradwetter und überhaupt idealen Rennradbedingungen, um ideal das Rennradfahren üben zu können. Also sind wir, der Mann und ich, dorthin aufgebrochen. Um am Vierzigsten wenn schon nicht einen Alpenpass, vielleicht wenigstens den Mont Ventoux zu schaffen (man muss ja Ziele haben. Und wozu knechtet man sich konditionell beim Spinning!). Es wurde nochmal Geld investiert und ein Radträger angeschafft, damit die beiden Rennräder mit dem guten, treuen, alten Golf in die Provence geschleppt werden können. Tja. Wir sind hier im Rheinland im schönsten Sommerwetter mit idealen Urlaubs- und Rennradbedingungen aufgebrochen und fanden in der Provence vor: Sturm und Regen, Regen und Sturm, und dazwischen Nebel. An Radfahren nicht zu denken. Wir haben die teuren Räder abgeladen, bei unserem netten Vermieter Dominique mitsamt dem teuren Radträger in die Garage gestellt – und dort blieb dann bis zu unserer verfrühten Abreise alles stehen. Den Mont Ventoux haben wir im dichtesten Nebel bei Kälte, Wind und null Sicht mit dem Golf bezwungen und unterwegs fast ein paar Irre überfahren, die tatsächlich mit dem Rennrad unterwegs waren. Ansonsten haben wir uns drei Tage lang durch Sturm und Regen, Regen und Sturm gesightseeingt, unter anderem zum verfallenen Schloss des Marquis de Sade in Lacoste im Louberon. D a s immerhin habe ich dann endlich mal geschafft. Seit ich meine Diplomarbeit über den wahnsinnigen, aber genialen Marquis de Sade und seine Sicht auf Menschen, Welt und Kirche geschrieben habe, wollte ich immer schon an diesen Ort, an dem er gelebt und gewütet hat. Und er wütet noch heute. Es war derart stürmisch an der verlassenen Burg über dem verlassenen Ort, es hat mir wirklich fast das Telefon aus der Hand gerissen beim Fotografieren. Ein denkwürdiges Erlebnis. Dass mein neues Lebensjahrzehnt nun mit einem buchstäblich ins Wasser gefallenen Urlaub beginnt, ignoriere ich geflissentlich – und schwinge mich zurück in Bonn mit dem Mann aufs Rad, bei schönstem Sonnenschein und blauem Himmel.

Lieber Gipfel des Mont Ventoux, ich werde wiederkehren und mit dem Rennrad vor dir stehen. Nicht so wie jetzt mit dem Auto. Vielleicht bist du mir beim nächsten Versuch gnädiger gesonnen und hüllst dich nicht in Nebel und Sturm.
Dorf und Schloss Lacoste. Es stürmt und tost der Geist des Marquis de Sade ums verlassene Gemäuer.

Kunst als Versöhnungsgeste: Ein Kunstwerk stellt dem Schlossbesucher ausgebreitete Arme auf dem de Sadeschen Areal entgegen.
Das Café de Sade hatte geschlossen. Ich nehme an, der Marquis wütet noch so lange durch Lacoste, bis man das Kreuz neben seinem Namen herumdreht.
Marquis Donatien Alphonse Francois de Sade, Gefangener seiner Gedanken.
Harmuth an der Pforte des Bösen.